Diabetiker helfen sich selbst – und werden gesund

Wenige chronische Erkrankungen lassen sich so erfolgreich zurückdrängen wie der Typ-2-Diabetes, sagen Fachleute. Immer mehr Patientinnen und Patienten beweisen, dass das  tatsächlich stimmt.

Zuerst krank, dann Berufsverbot
Die Diagnose war ein Schock. «Als ich notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde, sagten mir die Ärzte, dass ich Diabetes mellitus Typ 2 habe und in Zukunft täglich Insulin spritzen müsse», erinnert sich der Taxifahrer Walter Lüscher.
Der nächste Schlag folgte sogleich. Der 53-Jährige wurde mit einem Fahrverbot wegen Unterzuckerungsgefahr belegt.
Er war bestürzt: «Wenn ich drei Monate lang nicht Auto fahren darf, bin ich pleite!», klagte er einem Pfleger der Station.
Dieser riet: «Bewegen Sie sich möglichst viel, es könnte helfen!»

Treppe rauf und runter
Das liess sich Walter Lüscher nicht zweimal sagen: Ab sofort lief er täglich mehrmals die sieben Stockwerke des Krankenhauses hinauf und hinunter. Aus dem Spital entlassen, halbierte er seine Essportionen und wanderte jeden Tag rund 10 Kilometer in flottem Tempo durch die Natur. Die Rosskur zeigte Wirkung: Nach einem Monat war Lüscher weg von der Insulinspritze und durfte wieder ans Steuer.

Vom Insulin loskommen?
Walter Lüscher aus dem Luzernischen Meisterschwanden ist kein Einzelfall. Bereits Tausenden von Typ2-Diabetikern ist es gelungen, ihren Blutzuckerspiegel dauerhaft in den grünen Bereich zu senken.
Das wissen auch Fachleute. Zu ihnen gehört der Diabetologe Dr. Matthias Riedl, Leiter des medicum Hamburg, ein interdisziplinärer Beratungszentrum für Diabetes, Übergewicht und ernährungsbedingte Erkrankungen.
Zur Heilungschance von Diabetes sagt Matthias Riedl: «Entdeckt man den Diabetes frühzeitig, sind die Heilungschancen gross. Wird die Erkrankung spät entdeckt, besteht immer noch die Möglichkeit, vom Insulin wieder loszukommen und die Tabletten- dosis deutlich zu senken. Was den Typ-1-Diabetes betrifft, so kann man diesen zwar nicht heilen, doch die
Medikation lässt sich oft reduzieren.»

Seit 10 Jahren medikamentenfrei
Diese Erfahrung teilen auch Ärzte in der Schweiz, unter ihnen Prof. Dr. Marc Donath, Diabetologe und Endokrinologe am Universitätsspital Basel: «Ich habe eine ganze Reihe von Patienten, denen es gelungen ist, den Diabetes wieder loszuwerden. Einer von ihnen benötigt seit zehn Jahren keine antidiabetischen Medikamente mehr.»
Studien belegen: Sport hilft Für Walter Lüscher war intensive körperliche Bewegung der wichtigste Rettungsanker. Nach wie vor läuft er einmal pro Woche rund um den Hallwylersee. Er hat 20 Kilo Gewicht verloren und will weitere zehn Kilo abnehmen, um seinen Blutzuckerspiegel definitiv in den grünen Bereich zu senken und die zwei Tabletten loszuwerden, die er zurzeit noch täglich schlucken muss.

Wirkung ist belegt
Dass Sport bei Diabetes sehr hilfreich ist, belegen Studien: Körperliche Bewegung macht die Zellen wieder empfänglicher für das blutzuckersenkende Hormon Insulin und hat etliche weitere «antidiabetische» Wirkungen, beispielsweise eine Normalisierung des Fettstoffwechsels, den Abbau von Körperfett, die Senkung des Blutdrucks und die Aktivierung von Umgehungskreisläufen, welche die Gefässsituation verbessern.

So steigt die Erfolgskurve
Die medizinische Praxis zeigt allerdings auch, dass Bewegung alleine selten ausreicht. Erst wenn eine nachhaltige Ernährungsoptimierung hinzukommt, steigt die Erfolgskurve steil an.
«Am Anfang steht die Analyse der bisherigen Ernährungsgewohnheiten», sagt Ernährungsmediziner Matthias Riedl. «Das funktioniert wie eine Unternehmensanalyse: Welche Bereiche sind gesund, wo gibt es etwas zu verbessern?»
Frauen zum Beispiel würden sich häufiger bei den Hauptmahlzeiten zurückhalten, aber zwischendurch mehr naschen, was die Neigung zum Diabetes verstärke.

Eiweiss-Häppchen statt einmal Steak
Allgemein würden zudem viele Diabetiker Eiweiss suboptimal dosieren, hat Matthias Riedl  beobachtet. Dabei sei es wichtig, «angemessen dosierte Portionen von Eiweiss über den Tag zu verteilen. Das sättigt und beugt starken Blutzuckerschwankungen vor.»
Hier würden Männer oft den Fehler machen, abends ein grosses Stück Fleisch zu essen, das den gesamten Eiweissbedarf des Tages decke. «Ein Teil davon wird gebraucht, der Rest landet im Fettgewebe.» Was wiederum die Insulinresistenz der Zellen und das Übergewicht fördert.

Diäten sind nicht alltagstauglich
Es ist noch nicht lange her, da wurden Diabetes-Patienten zu Extremdiäten angehalten. Inzwischen setzen sich die meisten Experten für eine moderatere und vor allem schrittweise Optimierung der Ernährung ein. Das erhöht die Erfolgschancen.  Zwar praktizieren manche Kliniken nach wie vor radikale «Anti-Diabetes-Diäten», oft mit spektakulärem Erfolg. Doch die wenigsten Patienten schaffen es, solche Diäten im Alltag langfristig durchzuziehen.
Eine moderate, langfristig erfolgreiche Ernährungsumstellung, das bedeutet gemäss den Schweizer und deutschen Ernährungsgesellschaften: Die Menge an Gemüse, Salat, Vollkornprodukten, Eiweiss und gesunden Fetten erhöhen; gleichzeitig den Genuss von Industriezucker und Weissmehl, Transfetten und Alkohol reduzieren.

Was sagt die TCM?
Solche Massnahmen stehen auch in der Diabetes-Behandlung der ayurvedischen Medizin und in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) an vorderster Stelle. Im Gegensatz zur westlichen Schulmedizin berücksichtigen jedoch beide Medizinalsysteme die individuelle Konstitution des Patienten.
Das sieht dann beispielsweise so aus: «Einem hyperaktiven Diabetiker wird es helfen, mehr beruhigende Lebensmittel zu essen. Ein Diabetiker dagegen, der sich ungern bewegt, kann von Nahrungsmitteln profitieren, welche die Verdauung etwas befeuern», sagt der TCM-Therapeut
Peter von Blarer, Leiter der Heilpratikerschule Luzern. Darüber hinaus berücksichtigen erfahrene TCM-Spezialisten weitere Symptome des Patienten, zum Beispiel an Nieren, Lunge oder Herz.

Der Appetit lässt nach
Bemerkenswert ist auch die Erkenntnis der TCM, dass bei Diabetes das Zusammenspiel von Magen, Milz und Bauchspeicheldrüse gestört ist. Dieses Ungleichgewicht lasse sich mit Hilfe von Ernährungsanpassung, Naturheilmitteln, Akupunktur und einfachen Qi-Gong-Übungen therapieren, weiss Peter von Blarer: «Als Folge davon normalisiert sich häufig auch der übermässige Appetit, unter dem viele Typ-2-Diabetiker leiden.»

Die dunkle Seite des Insulins
Herzinfarkt, Schlaganfall, Erblindung, Amputation – die häufigsten Folgeschäden von Diabetes sind massiv. Erfolgt keine ursächliche Behandlung, kann die Erkrankung fortschreiten – trotz Medikamenten und Insulin.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Hormon Insulin die Fettverbrennung beeinträchtigt und damit den Teufelskreis von Insulinresistenz und Übergewicht weiter befördert. Letzteres gilt als Hauptrisikofaktor für die Stoffwechselerkrankung.

Forscher untersuchen das Fasten
Auf der Suche nach anderen Lösungen widmen sich die Forscher seit einiger Zeit auch naturheilkundlichen Möglichkeiten, zum Beispiel dem Fasten. Naturwissenschaftliche Studien zeigen, dass Fasten die Insulinresistenz reduziert. Bereits ein mehrstündiges Intervallfasten zwischen den Mahlzeiten, das die Bauchspeicheldrüse entlastet, bringt einen vorbeugenden Nutzen.

Intermittierendes Fasten hilft
Noch mehr kann man erreichen, wenn man nach dem Abendessen regelmässig 14 bis 16 Fasten-Stunden bis zur ersten Nahrungsaufnahme des Folgetages einlegt.
Untersuchungen zeigen, dass solche Essenspausen einen positiven Effekt auf Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin- und Entzündungswerte haben können. Gleichzeitig ist das Risiko des kulinarischen Überkompensierens beim Kurzfasten oder intermittierenden Fasten gering, was wiederum das Abnehmen erleichtert.

Natursubstanzen beeinflussen Insulin 
Auch Natursubstanzen werden intensiv auf mögliche antidiabetische Wirkungen hin untersucht. Mit Erfolg: So lässt sich beispielsweise nachweisen, dass die Flavone Luteolin und Apigenin aus Gemüse und
Kräutern die intrazellulären Signalwege von Insulin positiv beeinflussen. Das gilt auch für die Sulforaphan, eine Substanz, die in Brokkoli und weiteren Kreuzblütlern vorkommt. Als Senfölglykosid Glukoraphanin ist sie besonders zahlreich in Brokkolisprossen enthalten.
Wissenschaftler vom Lund University Diabetes Center in Malmö (Schweden) verabreichten Glukoraphanin in Form eines speziellen Extraktes. Sie massen, dass der Inhaltsstoff die Blutzuckerwerte der übergewichtigen Diabetiker verbesserte. Trotzdem raten die Forscher davon ab, sich selbst mit hohen Dosen Brokkolisprossen-Extrakt zu ‹behandeln›. Weitere Studien seien nötig.
Auch Amorfrutine aus der Süssholzwurzel senken in konzentrierter Form den Blutzuckerspiegel – zumindest im Tierversuch. Das zeigte eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts in Berlin, aus der die Süssholzwurzel als «Testsieger» unter 8000 Naturstoffen hervorging.

Süssholzwurzel-Tee? Ja, aber…
Ob die Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden können und wenn ja, in welcher Dosis, muss aber erst noch untersucht werden.
Fest steht: Es reicht nicht, Süssholzwurzel-Tee zu trinken oder Lakritze zu essen. Die darin enthaltenen Amorfrutine sind zu schwach dosiert.
Um die Amorfrutine in ausreichender Konzentration aus der Pflanze zu gewinnen, arbeiten die Forscher an speziellen Extraktionsverfahren.

Hafer als «Diabetes-Getreide»
Während die Forschung weiterhin an wirksamen Naturmedikamenten arbeitet, können wir uns bereits heute über die subtilen Heilimpulse aus der vollwertigen, täglichen Nahrung freuen.
Nehmen wir zum Beispiel den Hafer: Die TCM empfiehlt ihn seit Langem als ideales «Diabetes-Getreide». Inzwischen wird die einstige Hauptspeise der alten Germanen auch von westlichen Ernährungsmedizinern empfohlen – bis hin zu mehrtägigen Haferkuren.

So wirksam wie ein Antidiabetikum
Die Forschung wird in den nächsten Jahren weitere Puzzleteile zusammentragen, die das Wissen um die Heilung der Diabetes-Erkrankung vertiefen. Doch bereits in der Gegenwart besteht Grund zur Freude. Denken wir beispielsweise an die randomisierte, kontrollierte TeLiPro-Studie des Düsseldorfer Diabetologen Prof. Dr. Stephan Martin. Sie zeigt, dass man mit einer Lebensstilveränderung selbst nach jahrelangem Typ-2-Diabetes so viel erreichen kann wie mit einem potenten Antidiabetikum.

Das Erfolgsrezept?
Die 93 Probanden von Dr. Martin hatten folgendes gemacht:
– Sie stärkten ihre Motivation durch ein Mentaltraining.
– Sie optimierten ihre Ernährung mit Hilfe eines erfahrenen Coachs.
– Sie nutzten einen Schrittzähler, um sich mehr zu bewegen.
– Sie führten täglich mehrere Blutzuckermessungen durch.
Auch Letzteres war sehr wichtig. Die Diabetiker konnten dank den Messungen erkennen, was im Körper passiert, wenn sie beispielsweise eine Tafel Schokolade essen. Das sorgte oft für einen Aha-Effekt. Den Studienteilnehmenden wurde bewusst, wie stark der Blutzuckerspiegel durch unterschiedliche Lebensmittel beeinflusst wird.

Es geht aufwärts
Dr. Stephan Martin hat in den vergangenen Jahren mit TeLIPro ein erfolgreiches Hilfsprogramm für Diabetiker entwickelt.
Er sagt dazu: «Bei Typ-2-Diabetes ist eine Lebensstiländerung nicht nur hilfreich, sie ist entscheidend. Bevor der Patient Tabletten einnimmt, soll er seine Lebensweise ändern. In der Praxis fällt es Menschen jedoch häufig schwer, ihre Gewohnheiten zu ändern. Hier setzt TeLIPro an.»
Und weiter meint der Diabetologe: «Wir müssen aufhören mit der 68er Mentalität, dass jeder in unserem Land seinen Körper zugrunde richten kann und wenn er dann völlig am Boden liegt, kommt unsere Gesellschaft  und hilft ihm mit irgendwelchen Medikamenten. Wir müssen den Diabetikern Hilfe zur Selbsthilfe geben!»
In Deutschland ist eine Teilnahme am TeLIPro-Programm über ausgewählte Allgemeinmedizin-Praxen oder Diabetes-Schwerpunktpraxen möglich, die an der begleitenden wissenschaftlichen Studie teilnehmen.

 

 

Diabetesbehandlung in der TCM
Die Traditionelle Chinesische Medizin hat beobachtet, dass bei Diabetikern das Zusammenspiel von Magen, Milz und Bauchspeicheldrüse gestört ist. Dieses Ungleichgewicht wird in der TCM durch eine Ernährungsoptimierung und Naturheilmittel behandelt. Bei der Ernährungsanpassung wird zudem die Konstitution des Patienten berücksichtigt – ein grosser Pluspunkt der TCM!  Ergänzend kommen bei Bedarf Akupunktur und Qi-Gong zum Einsatz.

Männerfehler, Frauenfehler
Der Hamburger Ernährungsmediziner Dr. med. Matthias Riedl hat bei Diabetikern geschlechterspezifische Ernährungsfehler beobachtet: Männer würden oft den Fehler machen, abends ein grosses Stück Fleisch zu essen, das den gesamten Eiweissbedarf des Tages decke.
«Ein Teil davon wird gebraucht, der Rest landet im Fettgewebe», sagt Matthias Riedl. Das fördert Übergewicht und die Insulinresistenz der Zellen. Dabei sei es wichtig, «angemessen dosierte Portionen von Eiweiss über den Tag zu verteilen.»
Frauen dagegen würden sich häufiger bei den Hauptmahlzeiten zurückhalten, aber zwischendurch mehr naschen. Das fördert die Neigung zum Diabetes.

 

Erfolgreiche Diabetiker
93 Diabetes-Betroffene bewiesen in einer TeLiPro-Studie des Düsseldorfer Diabetologen Prof. Dr. Stephan Martin, dass eine  Lebensstilveränderung so viel bringt wie ein potentes Antidiabetikum. Die 93 Probanden der Studie hatten folgendes gemacht:
– Sie stärkten ihre Motivation durch ein Mentaltraining.
– Sie optimierten ihre Ernährung mit Hilfe eines Coachs.
– Sie nutzten einen Schrittzähler, um sich mehr zu bewegen.
– Sie kontrollierten ihren Blutzuckerspiegel sehr genau. Das machte ihnen bewusst, wie stark der Blutzucker durch unterschiedliche Lebensmittel beeinflusst wird.

Prof. Dr. Martin kommentiert: «Für einen Typ-2-Diabetes gibt es genetische Grundvoraussetzungen, aber ohne Übergewicht und mangelnde Bewegung entsteht diese Erkrankung nicht. Wir müssen uns noch stärker auf die Ursachen konzentrieren. Eine Erkrankung, die durch den Lebensstil entsteht, mit Insulin oder Tabletten zu behandeln, ist der falsche Ansatz. Die Lebensstiländerung  muss immer Basis der Therapie sein. Für den Patienten hat das nur Vorteile: Wenn wir dem Diabetes mit einer Gewichtsabnahme entgegentreten, behandeln wir auch die Blutfette und den Blutdruck mit. Wir entlasten die Gelenke und so steigt auch die Lebensqualität.»

 

Kurzfasten fördert die Heilung
Untersuchungen zeigen, dass Essenspausen einen positiven Effekt auf Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin- und Entzündungswerte haben. Besonders bewährt hat sich das intermittierende Fasten, bei dem nach dem Abendessen 14 bis 16 Stunden lang nichts gegessen wird bis zur ersten Nahrungsaufnahme des Folgetages. Zudem ist bei dieser Form des Kurzfastens das Risiko des kulinarischen Überkompensierens gering. Das wiederum erleichtert das Loswerden überflüssiger Pfunde.

 

Schweizer Flagge www.gesundheitsjournalistin.ch

Schweiz

Adressen von qualifizierten Ernährungsberatern bekommt man bei den lokalen Diabetes-Beratungsstellen und beim Schweizerischen Verband der Ernährungsberater/innen SVDE
Tel.: 031 313 88 70
www.svde-asdd.ch

Deutsche Flagge www.gesundheitsjournalistin.ch

Deutschland
Adressen von Ärzten mit einer Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin bekommt man beim Bundesverband deutscher Ernährungsmediziner
Tel.: +49 201 799 89 311
Internet: www.bdem.de
medicum Hamburg
Beratungsstelle für Diabetes, Übergewicht und ernährungsbedingte Erkrankungen
Tel. +49 40 807 97 90
www.medicum-hamburg.de